«Schweizer Start-ups müssen immer noch grösser denken und risikofreudiger werden»

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Dominique Gruhl-Bégin ist Leiterin der Abteilung Gründerszene und Nachwuchs bei Innosuisse. Anlässlich der Verleihung des TOP Swiss Startup Awards am 9. September in Zürich nimmt sie Stellung zur Entwicklung des Startup-Ökosystems in der Schweiz. Ihres Erachtens sind die Koordination des Förderungsangebots für Existenzgründer und die Zusammenarbeit der Akteure des Ökosystems untereinander ein wesentlicher Fortschritt, der in den letzten Jahren erzielt wurde.  

Am Top 100 Swiss Startup Award werden jedes Jahr die vielversprechendsten Start-ups der Schweiz ausgezeichnet. Die Verleihung findet am 9. September in Zürich statt. Eine Jury aus 100 Investoren und Start-up-Experten wählt die innovativsten Start-ups aus. Der von Venturelab organisierte Wettbewerb findet 2020 zum zehnten Mal statt. Wir ergreifen diese Gelegenheit, um Dominique Gruhl-Bégin, die als Leiterin der Abteilung Gründerszene und Nachwuchs bei Innosuisse die Entwicklung der Start-ups in der Schweiz genau verfolgt, zu ihrer Einschätzung des Ökosystems zu befragen. Ein Gespräch.  

Welche Aufgabe hat Innosuisse und welches Ziel verfolgt sie bei der Förderung von Start-ups?

Innosuisse fördert die Innovationskraft von Start-ups, Schweizer KMUs und anderen innovativen Organisationen, damit sich diese im Interesse von Wirtschaft und Gesellschaft in ihrem Bereich an der Spitze des internationalen technologischen oder wissenschaftlichen Fortschritts positionieren. Die Schweizerische Agentur für Innovationsförderung bietet Start-ups gezielte, personalisierte und dem digitalen Zeitalter angepasste Programme an und betreut sie auf allen Entwicklungsstufen.

Welche konkrete Unterstützung gewährt Innosuisse den Start-ups?

Das Angebot für Start-ups ist breit gefächert. Mit dem Training-Programm von Innosuisse erhalten Unternehmer das Rüstzeug, um ihre Geschäftsidee zu entwickeln, ihre Firma zu gründen und eine Wachstumsstrategie umzusetzen. Die vier Trainingsmodule, die von Veranstaltungen zur Sensibilisierung fürs Unternehmertum bis hin zu fünftägigen Intensivkursen reichen, werden von erfahrenen Unternehmerinnen und Unternehmern geleitet und in der ganzen Schweiz durchgeführt.

Unternehmerinnen und Unternehmer, die eine Geschäftsidee entwickeln oder ein Start-up gegründet haben, können sich für das Coaching-Programm anmelden. Damit sollen im Rahmen eines personalisierten Coachings vielversprechende Unternehmen im Bereich der Wissenschaft oder der Technologie unterstützt werden. Nach der Aufnahme in das Programm erhalten die Start-ups einen Gutschein, den sie für eine kompetente Beratung durch Coaches, die über Fachwissen und Erfahrung in der Unternehmensgründung verfügen, einsetzen können.

Um die internationale Entwicklung junger Unternehmen voranzutreiben, veranstaltet Innosuisse zudem Camps an zehn Orten auf der Welt, unter anderem in den USA, China, Indien und Grossbritannien. Ziel ist, Jungunternehmerinnen und -unternehmern dabei zu helfen, diese Märkte zu erschliessen. Darüber hinaus bietet Innosuisse Nachwuchsunternehmen mit globalen Ambitionen die Möglichkeit, als Besucher oder Aussteller an internationalen Messen teilzunehmen.

Wenn ein Start-up mit mindestens fünf Vollzeitäquivalenten in die Wachstumsphase eingetreten ist und seine Entwicklung deutlich beschleunigen möchte, erhält es von Innosuisse auch Unterstützung durch das Scale-up Coaching. Die Coaches helfen dem Unternehmen bis zu zwei Jahre lang bei der Vernetzung, Finanzierung und Internationalisierung.

TOP 100 feiert dieses Jahr sein 10-Jahres-Jubiläum. Wie hat sich das Start-up-Ökosystem in diesen zehn Jahren entwickelt?

Das Schweizer Ökosystem hat sich stark verändert und ist viel aktiver geworden. Die Zahl der neu gegründeten Unternehmen hat jedes Jahr deutlich zugenommen. Das Förderangebot ist nicht nur in Bezug auf die Anzahl der Akteure, die Jungunternehmer unterstützen, stark gewachsen, sondern auch die Art der Förderung ist vielfältiger geworden. Ob Auszeichnungen wie der TOP 100, theoretische Kurse zur Existenzgründung, Coaching, Begleitung bei der Internationalisierung, Beratung in rechtlichen oder regulatorischen Fragen oder Präsentation der Geschäftsidee vor Investoren – es gibt heute eine Fülle von Angeboten für Start-ups.

Ebenfalls zu erwähnen sind die Koordination des Förderangebots für Schweizer Start-ups und die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren des Ökosystems, zum Beispiel im Rahmen der Initiative SwissTech. Diese Zusammenarbeit bezweckt eine bessere Definition des Angebots und vor allem die Bündelung der Kräfte, um das Schweizer Ökosystem international besser zu positionieren. So gewinnen wir an Sichtbarkeit und Anerkennung. Dieses gemeinsame Engagement fördert die Entwicklung, die Finanzierung und das Wachstum der Schweizer Start-ups im In- und Ausland. In der Schweiz ist die Innovationskraft ausserordentlich gross. Mit vereinten Kräften kann dieses Potenzial maximal ausgeschöpft werden.

Welche Rolle spielt der TOP 100 Award Ihres Erachtens für das Ökosystem?

Der TOP 100 Award spielt eine zentrale Rolle. Die Veranstaltung hilft den Start-ups, sich vor vielen Investoren im In- und Ausland zu präsentieren und zu positionieren. Unser Land beheimatet einige der innovativsten Start-ups der Welt. Diese Art von Ranking verleiht ihnen die verdiente Sichtbarkeit, um die nötigen Finanzierungen und Unterstützungsleistungen von Geschäftspartnern, Stiftungen und öffentlichen Akteuren zu erhalten. Die Qualität des Rankings ist anerkannt. Die Veranstaltung gilt als eine der besten Plattformen in der Schweiz für lokale Start-ups, um bekannt zu werden.

Wie sehen Sie die Schweizer Start-ups in zehn Jahren?

Das Modell, bei dem Start-ups einen Teil der Funktion übernehmen, die früher hauptsächlich etablierten Unternehmen zukam, d.h. die Vermarktung der Ergebnisse von F&E-Projekten, wird sich weiterentwickeln. Immer mehr junge Wissenschaftler fühlen sich in der Lage, Unternehmen zu gründen, und interessieren sich für dieses Abenteuer. Gleichzeitig gelten Start-ups als flexibler, agiler und dynamischer, wenn es darum geht, auf die Anforderungen des Marktes zu reagieren. Deshalb rechne ich damit, dass im nächsten Jahrzehnt die Zahl der jährlich neu gegründeten Start-ups weiter steigen wird. Künftig werden Start-ups Marktchancen möglicherweise nach und nach nutzen und rascher wachsen. Ich glaube auch, dass sie mehr Risiken eingehen werden. Vor diesem Hintergrund könnten mehr Unternehmen scheitern, aber die höhere Dynamik des Ökosystems und damit die steigende Anzahl von Unternehmensstiftungen werden diese Entwicklung ausgleichen.

Zudem wird die Schweiz in bestimmten Sektoren, in denen sie besonders stark ist, etwa in der Biotechnologie, verstärkte Anerkennung erfahren. Schliesslich denke ich, dass die Anzahl der multidisziplinären Start-ups und der Unternehmen mit gemischtgeschlechtlichen Führungsteams zunehmen wird, da mehr Investoren sich für sie interessieren werden. Aus diesem Grund erwarte ich einen Anstieg der Anzahl Frauen, die Start-ups in der Schweiz leiten oder mitleiten.

Wie werden die TOP-100-Start-ups das nächste Jahrzehnt prägen?

Hoffentlich werden die Vorteile ihrer Innovationen und die zukünftige Entwicklung ihrer Produkte und Dienstleistungen der Wirtschaft und der Gesellschaft zugutekommen! Darüber hinaus werden ihre Erfolge und auch Misserfolge den kommenden Start-ups als Vorbild und Inspiration dienen. Ich hoffe auch, dass einige der aktuellen Gründerinnen und Gründer weitere Firmen aufbauen und/oder die nächste Generation als Mentorinnen und Mentoren oder Coaches begleiten werden.

Wie kann die Innovation im Ökosystem der Schweizer Start-ups noch wirksamer gefördert werden?

Meiner Meinung nach müssen Schweizer Start-ups immer noch grösser denken, risikofreudiger und rascher werden sowie akzeptieren, zugunsten eines exponentiellen Wachstums ein wenig Kontrolle abzugeben. Noch immer gibt es zu viele Entwicklungsstrategien, die so konservativ sind, dass sie brillante Ideen gefährden. Start-up-Verantwortliche konzentrieren sich manchmal so sehr auf die technische Entwicklung ihrer Innovation, dass sie darüberi den Kunden und den Markteintritt vergessen.

Zudem sollte bei der Lancierung eines Start-ups von Anfang an auf die Interdisziplinarität und Vielfalt des Gründerteams geachtet werden. Nicht zuletzt werden Geschäftsmodelle, die auf verantwortungsvollen Umwelt-, Sozial- und Governance-Zielen basieren, meines Erachtens den Gewinnern des nächsten Jahrzehnts erlauben, sich von der Konkurrenz abzuheben und ihre Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit wesentlich beeinflussen.

Und zum Schluss: Was erwarten Sie in erster Linie vom TOP Startup Award 2020?

Unterstützung und Aufmerksamkeit für unsere besten Start-ups, damit sie die Finanzierung und die Partner finden, die sie für ihren Erfolg und ihr Wachstum brauchen!

Letzte Änderung 26.08.2020

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