«Effizienzmassnahmen, Wärmepumpen und Elektromobilität sind für Energiewende entscheidend»

Die Schweiz hat sich zum Ziel gesetzt, ihre Treibhausgasemissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts auf netto-null zu reduzieren. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, sind wichtige Veränderungen im Energiesystem nötig. In der Joint Activity Scenarios and Modelling (JASM) haben Forschende aus den acht SCCER zusammengearbeitet und anhand eines Rahmenwerks konkrete Szenarien entwickelt, wie die Schweiz das Ziel erreichen kann. Gianfranco Guidati, Leiter der Joint Activity, erläutert im Interview die Kernergebnisse.

Gianfranco Guidati

Herr Guidati: Anfang 2017 startete die Joint Activity (JA) «Scenarios & Modelling», bei welcher alle acht SCCER beteiligt waren. Welches Ziel wurde dabei verfolgt?
Im Rahmen der acht SCCER wurde viel detaillierte Forschung zu konkreten Technologien durchgeführt. Für das Energiesystem ist jedoch die Verbindung dieser Technologien wichtig. umso mehr deshalb, weil im zukünftigen System die Sektoren Strom, Wärme und Mobilität viel stärker verknüpft sein werden. Das Ziel von JASM war daher, die Erkenntnisse der acht SCCER zu bündeln und daraus Szenarien zu entwickeln, wie die Schweiz ihre Treibhausgase auf netto-null reduzieren kann. 

Was bedeutet «Reduktion der Treibhausemmissionen auf netto-null»?
Netto-null bedeutet, dass es auch Mitte des Jahrhunderts noch Treibhausgasemissionen in die Atmosphäre geben wird, nicht zuletzt in der Landwirtschaft. Diese müssen aber kompensiert werden, indem CO2 dauerhaft der Atmosphäre entzogen wird, zum Beispiel durch die Verbrennung von Biomasse und die nachfolgende Abscheidung und unterirdische Lagerung des CO2.

Sie haben in der JA ein Rahmenwerk entwickelt, das viele Modelle der verschiedenen SCCER verbindet. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Ein erster Schritt war, die Fähigkeiten der einzelnen Modelle zu verstehen: welchen Input benötigt ein Modell und welchen Output kann es liefern? In beiden Fällen können weitere Modelle die Daten dann weiterverarbeiten, beziehungsweise liefern. In einem zweiten Schritt haben wir diese Erkenntnisse dann konkret umgesetzt: So haben zum Beispiel Modelle des zukünftigen Gebäudeparks den zu erwartenden Wärmebedarf geliefert, der von den Energiesystemmodellen dann als Input verwendet wurde.

Wie wurden diese Modelle dann genutzt?
Wir haben danach konkrete Szenarien entwickelt, wie die Schweiz auf netto-null Treibhausgas-Emissionen kommen kann. Wenig überraschend haben Effizienzmassnahmen im Gebäude- und Industriesektor, und die Umstellung auf Wärmepumpen und Elektromobilität den entscheidenden Anteil daran. Dazu kommt der starke Ausbau der Photovoltaik mit ergänzenden Massnahmen wie einer erhöhter Flexibilität und Speicherung, wie zum Beispiel in Batterien, Pumpspeicher, Wärmepumpen mit Wärmespeichern oder Elektrolyse. Ein entscheidendes Element für netto-null ist aber auch die Abscheidung und permanente Lagerung von CO2, aus Zementwerken oder Kehrrichtverbrennungsanlagen.

Können Sie uns ein konkretes Beispiel eines solchen Szenarios geben?
Im Bereich der CO2-Abscheidung und -speicherung gibt es die Möglichkeit, negative Emissionen zu realisieren. Dies kann erreicht werden, wenn Biomasse während ihres Wachstums CO2 aus der Atmosphäre entnimmt, die Biomasse dann in einem technischen Prozess umgewandelt wird, zum Beispiel in Wärme, Strom durch Verbrennung oder Wasserstoff durch Vergasung. Das dabei entstehende CO2 wird im Erdreich eingelagert. Diese negativen Emissionen werden nötig sein, um Emissionen, zum Beispiel aus der Landwirtschaft, zu kompensieren.

Wie werden die gewonnenen Erkenntnisse aus der JA nun umgesetzt?
Bei manchen der nötigen Massnahmen ist die Schweiz auf einem guten Weg, zum Beispiel im Gebäudebereich. Auch die Entwicklung der Elektromobilität stimmt optimistisch. Ein koordiniertes Vorgehen ist vor allem in jenen Bereichen nötig, die nicht im Bereich der individuellen Entscheidungen jedes einzelnen liegen. Beispiele sind grosse Infrastrukturaufgaben, wie eine CO2-Infrastruktur, die Erhöhung der Staumauern unserer Speicherseen, um mehr Winterstrom zu produzieren, oder die konsequente Erschliessung der Geothermie für Wärmenetze und Industrieprozesse. Hier benötigt es einerseits weitere Forschung, zum Beispiel innerhalb des SWEET-Programms, andererseits aber auch den klaren politischen Willen, die notwendigen Massnahmen umzusetzen.

Letzte Änderung 29.06.2021

Zum Seitenanfang

Kontakt

Kommunikation Innosuisse

Eliane Kersten

+41 58 464 19 95

Lukas Krienbühl

+41 58 481 84 73

E-Mail

Kontaktinformationen drucken

https://www.innosuisse.ch/content/inno/de/home/ueber-uns/News/interview_guidati_sccer.html