«Die Energiewende stellt auch eine Chance für die Schweizer Wirtschaft dar»

Lösungen zu relevanten Fragen im Zusammenhang mit der Energiewende in der Schweiz entwickeln und umsetzen: Dieses Ziel verfolgte das Förderprogramm Energie, das Innosuisse seit 2013 leitet und welches Ende 2020 abgeschlossen wird. Kernstück dieses Programms war der Aufbau und die Steuerung von acht Schweizer Kompetenzzentren für Energieforschung (SCCER) in sieben Aktionsfeldern. Adriano Nasciuti, Präsident des Steuerungskomitees und Innovationsrat von Innosuisse, schaut im Interview auf die vergangenen acht Jahre zurück.

Welche Bilanz ziehen Sie aus den acht Jahren des Förderprogramms Energie?
Nicht selten fallen Innovationen im Energiebereich, nebst dem Wettbewerb mit etablierten, konventionellen Lösungen, dem sogenannten «Tal des technologischen Todes» zum Opfer, weil deren Entwicklung mehr Zeit und Investitionen erfordert, als in anderen Bereichen. Entsprechend war es wichtig und richtig mit den SCCER auf allen Stufen der Energie-Innovationskette anzusetzen - von der Grundlagenforschung über die anwendungsorientierte Forschung und bis hin zur Entwicklung - und dabei auch Aspekte aus den Bereichen Recht, Regulation und Verhalten miteinzubeziehen.

Wir können auf acht erfolgreiche Jahre Förderprogramm Energie zurückblicken. Die Kompetenzzentren haben Lösungen zu relevanten technischen, gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen im Zusammenhang mit der Energiestrategie 2050 entwickelt oder ein wesentliches Stück vorangetrieben. Dabei haben die SCCER Wissenschaft und Praxis miteinander verbunden und somit einen wichtigen Beitrag zum Transfer von Wissen und Technologie geleistet. Zudem stellten sie wichtige Netzwerk-Möglichkeiten zur Verfügung, was zu einer vermehrten und wertvollen Zusammenarbeit verschiedenster Energieakteure in der Schweiz führte.

Was heisst das konkret?
Von den durchschnittlich übre 1300 Forschenden, die von 2013 bis 2020 jährlich bei den SCCER und den gemeinsamen Aktivitäten tätig waren, haben insgesamt knapp 400 einen PhD-Abschluss erlangt. Einige dieser Absolventen sowie der 1700 Masterabgänger haben bereits ihre Laufbahn in der Praxis fortgeführt und werden dazu beitragen, dass neuste wissenschaftliche Erkenntnisse in KMU, Grossunternehmen aber auch andere Organisationen gelangen. Während des gesamten Förderprogramms haben die Forscherinnen und Forscher über 1400 Projekte gestartet, rund 900 davon wurden und werden mit Partnern aus Wirtschaft und Gesellschaft durchgeführt. Dabei haben diese Partner auch Zugang zu den rund 330 Prototypen sowie Pilot- und Demonstrationsanlagen erhalten, welche im Rahmen der SCCER installiert wurden. Schliesslich, und davon bin ich überzeugt, sprechen auch die 41 Spin-offs und die rund 120 eingereichten Patente für den Erfolg der SCCER.

Worauf ist dieser Erfolg zurückzuführen?
Ein entscheidender Erfolgsfaktor lag darin, dass an den Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten immer mehr als eine Hochschuleinrichtung pro SCCER beteiligt war. So konnten die verschiedenen Hochschulen von den Stärken der jeweils anderen profitieren. Zudem hat auch die starke Beteiligung privater und öffentlicher Umsetzungspartner von Anfang an zu einem effektiven Technologietransfer beigetragen. Damit konnte sichergestellt werden, dass sich die Forschenden auf Produkte und Dienstleistungen konzentrieren, die für die Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft tatsächlich relevant sind.

Ein wesentlicher Bestandteil bei der Steuerung der SCCER war – insbesondere in der zweiten Förderperiode – die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Kompetenzzentren und Disziplinen. Warum war Innosuisse das so wichtig?

Das ist richtig. Während der Schwerpunkt in der Förderperiode 2013 – 2016 auf dem Aufbau der Zentren lag, wurde in der zweiten Phase ein weiterer Schwerpunkt auf gemeinsame, SCCER-übergreifende Projekte, sogenannte „Joint Activities“ gelegt. Sie hatten zum Ziel, die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Zentren zu stärken. Bei systemischen Herausforderungen wie der Transformation des Energiesystems in der Schweiz, ist die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Disziplinen und Kompetenzzentren von entscheidender Bedeutung.

Können Sie die Zusammenarbeit an einem konkreten Beispiel illustrieren?
Nehmen wir beispielsweise die Reduktion des Energiekonsums von Gebäuden: die Herausforderung besteht darin, hohe Standards hinsichtlich Innenraum-Komfort zu gewährleisten und gleichzeitig eine positive Energiebilanz sowie CO2-Neutralität zu erreichen. Dafür müssen einerseits die entsprechenden Technologien vorliegen, wie vertikale Photovoltaikmodule, mikrostrukturierte Verglasungen von Fenstern oder Baumaterialien mit wenig sogenannter grauer Energie. Diese Technologien müssen zudem zusammengeführt und mit neusten Sensor- und Kontrolltechniken gesteuert werden. Andererseits müssen ästhetische und architektonische Aspekte sowie die Akzeptanz und das Verhalten der Nutzer berücksichtigt werden. Deshalb muss die technische Innovation durch wirtschaftliche, soziale und auch rechtlich Perspektive ergänzt werden.

Hat sich dieser Ansatz bewährt?
Ja, sehr. Wie bei der Energiewende sind viele der Herausforderungen, denen sich die Schweiz gegenübersieht, sehr komplex und erfordern ein systemisches Vorgehen, um erfolgreich angegangen werden zu können. Die Erfahrungen mit dem Förderprogramm Energie haben gezeigt, dass es sich lohnt, in die Koordination und Zusammenarbeit über verschiedene Hochschulen und Disziplinen hinweg zu investieren. Am Ende ist die Gesamtleistung mehr als die Summe der Ergebnisse der Einzelprojekte.

Noch ein Blick in die Zukunft: Wie wird es mit den SCCER weitergehen?
Die SCCER haben in den jeweiligen Energieforschungsbereichen Netzwerke von Spezialistinnen und Spezialisten geschaffen, welche zu einem grossen Teil weiter bestehen bleiben. Zudem arbeiten Forschende und Umsetzungspartner bereits heute an Projekten, welche über die Laufzeit des Förderprogramms hinauslaufen. Dies ist auch vor dem Hintergrund wichtig, dass die Energiewende eine Chance für die Schweizer Wirtschaft darstellt, die innovative Lösungen auf den Markt bringen kann, die nicht nur die Energiezukunft des Landes sichern, sondern auch wirtschaftliche Werte schaffen. Ich vertraue darauf, dass die Schweizer Energiepolitik die Innovation und die Vernetzung aller wichtigen nationalen und internationalen Akteure weiterhin angemessen unterstützen wird.

Letzte Änderung 12.04.2021

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