Agnès Petit, Catarina Dahlin und Sophia Borowka sind drei Schweizer Gründerinnen.

«Seine eigene Firma zu gründen, ist eine verrückte Reise»

Ende August 2020 stellen Agnès Petit (Mobbot SA), Catarina Dahlin (Dagsmejan Ventures AG) und Sophia Borowka (Caressoma) am Female Innovation Forum ihre innovativen Geschäftsmodelle vor. Alle drei Jungunternehmerinnen werden von der Innosuisse unterstützt. Im gemeinsamen Gespräch erzählen sie vom Sprung ins kalte Wasser, Machtspiele mit männlichen CEOs und warum das Gründen eines Start-ups wie eine Geburt ist.

Innosuisse: Wie kamt ihr auf die Idee, ein eigenes Unternehmen zu gründen?

Agnès Petit: Eigentlich wollte ich gleich nach dem Studium ein Start-up gründen. Da ich aber noch kaum Erfahrung in der Geschäftswelt hatte, suchte ich mir einen Job. Nach 13 Jahren in der Baubranche gründete ich 2018 das Unternehmen Mobbot. Ich wollte meine eigene Chefin sein und gleichzeitig meine Firma zum Wachsen bringen. Im Moment habe ich elf Mitarbeitende.

Sophia Borowka: Ich habe mein zweites Postdoktorat gemacht und insgesamt sieben Jahre als Wissenschaftlerin gearbeitet. Doch ich verspürte den Wunsch, mehr für die Gesellschaft zu tun. Wissenschaft war mir zu weit weg von dem, was der Markt braucht. Zudem erschien mir die Aussicht auf Unabhängigkeit, mehr Freiheit und das Gefühl, etwas selbst zu schaffen, sehr verlockend. Ende 2018 gründete ich das Start-up Caressoma.

Catarina Dahlin: Mein Lebenspartner und ich haben unser Start-up Dagsmejan 2016 gegründet. Zehn Jahre lang hatte ich mich bereits mit der Idee herumgeschlagen, Unternehmerin zu werden. Wir treiben beide gerne Sport und wollten zuerst etwas in diesem Umfeld machen. Dann haben wir aber realisiert, wie wichtig guter Schlaf ist, vor allem auch für aktive Menschen. Wir sprangen ins kalte Wasser: Weder ich noch mein Partner hatten damals Erfahrung in der Textilindustrie. Ich hatte bis dahin vor allem in der Kosmetik- und Wellnessindustrie gearbeitet. Doch das ist das Schöne, wenn man sein eigenes Unternehmen gründet: Es gibt so viele Gelegenheiten, wenn man nur die Augen offen hält.

Sophia: Genau, das ist ganz wichtig: Wenn man sich für Gelegenheiten offen zeigt, hält einem das Leben schöne Überraschungen bereit.

Agnès: Ich finde, man muss aber auch ein Gespür dafür haben, wann die Sterne günstig stehen. Es geht auch immer um das richtige Timing.

Was sind die grössten Herausforderungen, wenn man sein eigenes Unternehmen gründet?

Agnès: Es ist nicht schwierig, ein Start-up zu gründen. Man meldet sein Unternehmen an und unterschreibt, fertig. Die grösste Herausforderung ist, das Unternehmen über die ersten zwei Jahre hinaus wachsen zu lassen und es profitabel zu machen.

Sophia: Als Wissenschaftlerin habe ich immer mit ähnlichen Menschen zu tun gehabt, vieles war berechenbar. Als Jungunternehmerin bin ich hingegen oft mit Neuem konfrontiert. Am Anfang bewegte ich mich geschätzte 90 Prozent ausserhalb meiner Komfortzone. Dieser Anteil wird jetzt immer kleiner. Grundsätzlich gehe ich gerne aus der Komfortzone heraus – es ist toll, viel Neues zu lernen und seinen Horizont zu erweitern. Andererseits ging ich mit der Start-up-Gründung ein grosses Risiko ein: Ich habe einen grossen Teil meiner Ersparnisse investiert. Es war mir immer bewusst, dass ich ganz viel verlieren kann, wenn ich es nicht richtig mache.

Agnès: Aber es ist ja nur dein Erspartes, das du verlierst, wenn etwas schief geht, oder? Als Unternehmerin lernst du so viel. Und das ist es meiner Meinung nach wert.

Sophia: Da gebe ich dir recht. Aber in der Industrie hatte ich die Aussicht auf einen sehr guten Lohn. Die Entscheidung, die nächsten Jahre sehr viel weniger zu verdienen, fiel mir nicht leicht. Ich wusste zwar, dass ich viel lernen werde, wollte aber auch nicht, dass mich meine Entscheidung zehn Jahre lang verfolgt.

Catarina: Ich verstehe Dich gut, Sophia. Es ist eine verrückte Reise, seine eigene Firma zu gründen: Manchmal ist man sehr euphorisch, dann denkt man wieder, man müsse künftig unter einer Brücke schlafen. Dieser Ausnahmezustand kann sehr stressig sein. Wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, an dem wir sagen können, unser Unternehmen ist zukunftsfähig. Aber im letzten und vorletzten Jahr gab es schon Momente, in denen ich dachte: ‘Worauf haben wir uns da bloss eingelassen?‘. Ich bin über 40 Jahre alt, habe einiges angespart. Was, wenn das jetzt alles weg ist? Auf der anderen Seite kann ich mir auch schlecht vorstellen, wieder in einem Grossunternehmen zu arbeiten. Es gibt da so viele unproduktive Sitzungen, so viel Politik, so wenig Entscheide. Als Unternehmerin habe ich die Freiheit, das Boot selber dahin zu steuern, wo ich will. Es ist schwierig, das aufzugeben.

Sophia: Der Druck ist ja nicht nur schlecht – er sorgt auch für Produktivität und motiviert.

Agnès: Ich hatte bisher drei Leben: das wissenschaftliche Leben, das Leben in der Privatwirtschaft, in dem ich Business Class flog, in der Geschäftsleitung sass und viel Verantwortung hatte. Und mein jetziges Leben als Unternehmerin. Mein Mann und ich haben zwei Kinder. Als ich beschloss, meine eigene Firma zu gründen, ging es mir nicht in erster Linie ums Geld. Auch ich habe viel Erspartes reingesteckt und mir während über einem Jahr keinen Lohn bezahlt. Für uns ging es viel mehr um die Frage, was für Auswirkungen die Firmengründung auf die Familie hat – nicht nur für ein paar Jahre, sondern für die nächsten zehn Jahre. Meine Kinder waren damals erst vier und sechs Jahre alt. Es war eine schwierige Entscheidung, künftig auf Ferien und andere Aktivitäten zu verzichten. Und kaum haben wir Mobbot gegründet, wurde mein Mann arbeitslos.

Sophia: Wow, du bist beeindruckend.

Agnès: Wenn mir andere sagen, es kann schlimmer kommen, dann denke ich, das Schlimmste liegt bereits hinter mir. Das Unternehmen zu gründen und die ersten beiden Jahre waren hart. Im Gegensatz zu dir, Sophia, habe ich mir im ersten Jahr keinen Lohn bezahlt, dafür aber Mitarbeitende angestellt. Wenn du den Punkt erreichst, an dem du Geld verdienst, dann ist das ein schöner Moment. Ich trage eine grosse Verantwortung für meine Angestellten – und meine Kinder. Sie sehen mich bestimmt nicht so viel wie andere Kinder ihre Eltern.

Catarina: Auf der anderen Seite sehen deine Kinder eine Frau, die ihre eigene Zukunft und ihr eigenes Schicksal formt. Das ist doch eine tolle Inspiration.

Agnès: Diesen Weg zu gehen war nicht allein meine eigene Entscheidung, sondern eine Familienentscheidung. Mein Mann hatte damals sein eigenes Architekturbüro. Ich sagte zu ihm: «Du hast jetzt zehn Jahre hinter dir, jetzt kommen meine zehn Jahre.» Wir haben einen ganzen Sommer lang die Folgen diskutiert, eben zum Beispiel keine Ferien machen zu können.

Catarina: Ich habe mir am Anfang auch keinen Lohn ausbezahlt, und nach ein paar Monaten nur gut einen Fünftel meines früheren Lohns. Ich habe gemerkt, dass es gar nicht schwierig ist, auf gewisse materielle Dinge zu verzichten.

Ihr alle arbeitet in einer von Männern dominierten Branche. Spürt man da als Frau gewisse Nachteile oder spielt es gar keine Rolle, was für ein Geschlecht man hat?

Catarina: Früher habe ich in Unternehmen gearbeitet, in der viele Frauen beschäftigt waren. In der Geschäftsleitung aber war ich oft die einzige Frau. Es war eine aggressivere Grundstimmung, von dem her bin ich mir ein raueres Umfeld gewöhnt. Ich habe keine Probleme damit, eine von wenigen Frauen zu sein. Vor allem auch jetzt, da ich älter und selbstbewusster bin als früher.

Sophia: Ich fühle mich fast schlecht dabei zu sagen, dass ich keinen Unterschied spüre, eine Frau zu sein. Ich habe lange mit vielen Männern gearbeitet. Für jedes Start-up gelten doch dieselben Herausforderungen: Die Leute, für die du arbeitest – nämlich deine Kunden –, müssen an dem interessiert sein, was du tust. Für mich ist es aber auch schwierig, zu vergleichen, wie sich ein männlicher Start-up-Gründer fühlen würde. Wir erhalten viel Unterstützung, darunter auch sehr kritisches Feedback, aber das motiviert uns. Ich gehe davon aus, das ist für Männer dasselbe.

Agnès: Es ergeht mir wie Sophia. Im Studium war ich als Frau von Anfang an in der Minderheit, dennoch spürte ich nie einen Unterschied. Die Herausforderungen sind dieselben für Männer und Frauen.

Catarina: Am Anfang der Selbstständigkeit spürte ich manchmal schon einen Unterschied in der Art und Weise, wie ich behandelt wurde: Da hat mich zum Beispiel der CEO eines Lieferanten, als er den Raum betrat, keines Blickes gewürdigt. Ich sage mir in einer solchen Situation aber jeweils: Es ist nicht mein Problem. Wenn er ein Problem damit hat, dass ich eine Frau bin, ist das seine Entscheidung. Ich habe ihn dann einfach zurück ignoriert. Manchmal muss man auf diese Machtspiele einsteigen. Aber vielleicht war es ja gar nicht, weil ich eine Frau war, sondern weil er generell ein unhöflicher Mensch ist.

Wenn es keinen Unterschied macht, ob Mann oder Frau: Braucht es dann überhaupt Anlässe wie das Female Innovation Forum, an dem ihr eure Geschäftsidee vorstellt und Inputs abholt?

Sophia: Ja, ich glaube, es braucht solche Anlässe – um weibliche Vorbilder sichtbarer zu machen. Es gibt sehr eindrückliche Frauen da draussen und wir alle müssen sie kennenlernen. Es ist wichtig, die positiven Aspekte ins Zentrum zu rücken und nicht immer nur die Probleme, die sich Frauen stellen.

Catarina: Es gibt nun einmal weniger Frauen in leitenden Positionen oder in Start-ups. Gerade deshalb ist es wichtig, anderen zu zeigen, dass es auch als Frau möglich ist, dorthin zu kommen. Nicht nur die ganz jungen Frauen sollen sehen, dass man seiner Karriere jederzeit noch eine neue Richtung geben kann.

Warum gründen denn eurer Meinung nach weniger Frauen ein Start-up?

Agnès: Als Start-ups bezeichnet man in der Regel ja Unternehmen mit einem technologischen Hintergrund. Da weniger Frauen technische Fachrichtungen studieren, gibt es natürlich auch weniger Start-up-Gründerinnen. Es ist eine Frage der Verhältnismässigkeit. Wenn wir die freien und selbstständigen Berufe wie zum Beispiel den Friseurberuf betrachten, gibt es meiner Meinung nach einen höheren Anteil an Unternehmerinnen.

Catarina: Als gebürtige Schwedin habe ich eine eigene Theorie, warum in der Schweiz weniger Frauen ein Unternehmen gründen. Ich bewundere Agnès dafür, wie sie Familien- und Geschäftsleben unter einen Hut bringt. Denn im Vergleich zu Schweden ist es in der Schweiz sehr kompliziert, Beruf und Familienleben zu vereinbaren – allein schon wegen des unregelmässigen Schulbetriebs und der hohen Kosten für externe Kinderbetreuung. Wenn sich die Gesellschaft mehr Unternehmerinnen wünscht, dann muss man auch schauen, wie sich Familie und Arbeit besser kombinieren lassen.

Sophia: Gestern habe ich gerade einen Artikel zum Muttersein in der Schweiz gelesen: Demnach ist hierzulande die Mutter wie eine Art Göttin für die Kinder, also die wichtigste Bezugsperson. Viele Frauen spüren den Druck, diesem Mythos zu entsprechen, dieser Rolle gerecht zu werden. Wenn ich mir meine Freundinnen anschaue: Die einen wollen Kinder, aber nicht die grosse, stressige Karriere. Die anderen wollen gerne Karriere machen. Es ist alles eine Frage der Prioritätensetzung. Ich vermute, Männer haben weniger das Bild im Kopf, ein perfekter Elternteil sein zu müssen.

Agnès: Ich glaube nicht, dass es eine Frage der Mentalität ist. Es ist die Gesellschaft, die diesen Druck auf Frauen ausübt. Gleichzeitig aber auch auf Männer, dass sie zu hundert Prozent arbeiten und das Geld heimbringen müssen. Das ändert sich zum Glück langsam. Meine Kinder sehen den Vater und die Mutter auf derselben Stufe. Es ist eine Entscheidung meines Mannes und mir: Wie wollen wir unsere Kinder aufziehen? Wir arbeiten beide hundert Prozent, oft auch in der Nacht, damit wir einen Nachmittag mit den Kindern verbringen können. Es geht auch um die Frage: Wen heiratest du? Wenn Frauen zu Hause bleiben wollen, schön. Wenn es ihre Wahl ist. Wenn es die Wahl der Gesellschaft ist, fühle ich mich nicht wohl dabei.

Catarina: Ich glaube, das Thema spiegelt die Gesellschaft und deren Regeln wider. Keine meiner Freundinnen in Skandinavien bleibt zu Hause, wenn sie Mutter wird. Aber in Schweden gibt es ja auch Elternzeit, da können beide Elternteile abwechselnd im ersten Jahr zu Hause bleiben. Wenn Männer in dieser Zeit nicht wenigstens ein paar Wochen zu Hause bleiben, werden sie schräg angeschaut. Wenn jemand in Schweden in der Sitzung um 16.30 Uhr aufsteht und sagt, ich muss mein Kind im Kindergarten abholen, dann schaut niemand komisch. Es herrscht dort ein ganz anderes Verständnis und eine unterschiedliche Akzeptanz, dass man arbeitet und gleichzeitig eine Familie hat. Es ist eine andere Mentalität.

Agnès: Ich würde sagen, es ist eine andere Kultur. Meine Eltern stammen aus Polen, das damals noch kommunistisch war. Meine Mutter hat das Geld nach Hause gebracht. Die Kultur des Arbeitens und Kindererziehens war im Kommunismus eine andere: Es gab keinen Unterschied zwischen Männer und Frauen.

Was rät ihr anderen Start-up-Gründerinnen?

Sophia: Sei hartnäckig. Mach weiter. Gib nie auf. Es gibt immer einen Weg. Steckst Du in einer Sackgasse, nimm eine Seitenstrasse. Diese kann dich in eine ganz neue Richtung führen.

Agnès: Mach es auf deine Art! Ich vergleiche das Gründen eines Start-ups gerne mit der Geburt: Beim ersten Kind war ich nervös, die eine Pflegefachfrau sagte dies, die andere das, sie widersprachen sich sogar. Dieselbe Erfahrung macht man, wenn man ein Unternehmen gründet – es gibt viele Ratschläge, aus allen Richtungen, auch widersprüchliche. Deshalb: Mach es auf deine Art. Hör auf dein Gefühl, dann wird es gut.

Catarina: Es ist wichtig, keine Angst davor zu haben, Fehler zu machen. Mit jedem kleinen Fehler lernst du dazu, du entwickelst dich, dein Geschäft entwickelt sich. Vermeide die ganz grossen Fehler, aber wenn du gar keine Fehler machst, riskierst du zu wenig. Wie Sophia sagte: Du musst hartnäckig sein und Durchhaltewillen zeigen. Du fällst, stehst wieder auf, fällst hin, stehst wieder auf. Erst dann kommst du vorwärts.

Letzte Änderung 20.08.2020

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Agnès Petit, CEO und Gründerin von Mobbot. Das Start-up entwickelt 3-D-Drucker, die Betonstrukturen nach Mass produzieren.

Catarina Dahlin, Mitbegründerin und CEO von Dagsmejan Ventures AG. Das High-Tex-Unternehmen aus St. Gallen entwickelt funktionelle Schlafbekleidung, die kühlt oder wärmt – je nachdem, was man gerade braucht.

Sophia Borowka, CEO und Mitbegründerin von Caressoma. Das Start-up entwickelt ein Diagnosegerät zur Erkennung und Überwachung von Verletzungen und Krankheiten des Bewegungsapparates, vor allem im weichen Gewebe wie Muskeln oder Sehnen.

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